Pressebericht in der Berliner Zeitung 7.2.04 - Aktivreisen


Berliner Zeitung Reisen
 

Ein bisschen wie Kanada.

Höher und höher zuckelt die Waldbahn, dichter und dichter wirbeln die Flocken. Man ist erstaunt, als aus dem Schneegestöber doch noch eine Bahnstation auftaucht - Bayerisch Eisenstein. Hier oben auf über 700 Meter wird Winterschlaf gehalten. Der Bahnhof ist menschenleer, in der Gastwirtschaft döst der Wirt. Das historische Bahnhofsgebäude im Fachwerkstil gehört zu einer Hälfte zu Deutschland und zur anderen zu Tschechien, aber die Grenzbeamten lassen es ruhig angehen; kaum, dass sie einen Blick in den Pass werfen wollen. „Bis 1989 war das anders, damals verlief der Eiseme Vorhang durch den Bahnhof, erinnert sich Erwin Aschenbrenner an die Zeit, als der „Zaun" durch den Bahnhof noch eine vielbesuchte Hauptattraktion des Dorfes war.

Eine Stunde braucht der Bus über verschneite Straßen, durch nachtdunkle Wälder bis hinauf nach Filipova Hut (Philippshütten). Die höchstgelegene Siedlung des Böhmerwaldes (1100 Meter) hat elf Einwohner und besteht aus fünf Häusern. Eines davon ist unsere Unterkunft - die „Hajenka", bis in die 1990er-Jahre ein verfallenes Forsthaus, heute eine gemütliche Pension.
Am Morgen genießen wir den Panoramablick über das weite Hochplateau. Wir sind mitten im Nationalpark Böhmerwald. Sumava, die Rauschende, nennen die Tschechen ihn poetisch. Seit einer Woche fällt fast ununterbrochen Schnee; an vielen Stellen hat der Wmd die weiße Pracht übermannshoch aufgetürmt. Einer zünftigen Skitour steht also nichts im Wege, aber mancher Anfänger schaut noch zweifelnd auf die schmalen Bretter, während die alten Langlauf-Hasen ungeduldig mit den Füßen scharren. „Deshalb gibt es iínrner zwei Gruppen, eine sportlichere und eine gemütlichere. "Die Ski-Greenhorns können vor dem Start erst einmal Unterricht nehmen", sagt Erwin Aschenbrenner. Der promovierte Philosoph hat Anfang der 1990er-Jahre das Tourismusprojekt „Begegnung mit Böhmen" aus der Taufe gehoben. Im Sommer werden Wanderungen, Radtouren und Kulturreisen, im Winter Ski- und Schneeschuhtouren angeboten. Bei allen Reisen soll ein möglichst enger Kontakt zu den Einheimischen hergestellt werden.

Vorbei an Häuschen mit langen Eiszapfen an der Dachrinne und säuberlich gestapeltem Brennholz am Eck ziehen wir zum nahen Wald. Erwin macht die Spur, die anderen folgen im Gänsemarsch. In flotten Tempo steigen wir hügelan und geraten das erste Mal ins Schwitzen. Es gilt, die Skier weit gleiten zu lassen und ihren Schwung mit dem Abstoßen der Stöcke zu synchronisieren. Leicht gesagt, murrt mancher Neuling und macht mangelnde Eleganz mit Kraft wett. Irgendwann verfolgt man jedoch nicht mehr die dampfmaschinenartigen Bewegungen der eigenen Füße und Hände, sondem gibt sich ganz der verzauberten Landschaft hin. Schneehauben liegen wie surrealistische Figuren auf Bäumen und Sträuchern, drücken mit ihrer Last Zweige und Äste herab, zieren die Uferränder der Flüsschen. Der Schnee dämpft das gleichmäßige Scht-scht unserer Skier; wenn wir anhalten, ist es stiller als still. Dieses Weiß ist wirklich Schneeweiß - gerade die Großstädter in der Gruppe können sich daran nicht satt sehen. Die Beschaulichkeit des Naturparadieses mag freilich leicht darüber hinwegtäuschen, dass die Region eine äußerst bewegte Geschichte hat. Dalibor Hiric, unser tschechischer Tourfihrer, deutet auf Wölbungen im Schnee - Reste einstiger Siedlungen. Der Böhmerwald war nicht immer so menschenleer Filipova Hut beispielsweise hatte in: 19. Jahrhundert, als die Holzwirtschaft boomte, ein Mehrfaches an Einwohnern. Tschechen und Deutsche lebten friedlich miteinander, bis der Nationalismus alles zerstörte. Mach dem Münchener Abkommen von 1938 ließ Hitler die Tschechen vertreiben, nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben Tschechen Deutsche. So war die Gegend schon weitgehend entvölkert, als die sozialistische Tschechoslowakei als Teil des Eisernen Vorhangs weit ins Hinterland reichende Grenzanlagen errichtete. Heute profitiert der Tourismus davon, dass hier die Welt einmal zu Ende war. Wegen ihrer großen, einsamen Waldgebiete wird die Sumava unter Insidern gern auch „Kanada vor der Haustür" genannt.

Wir stoßen auf eine breite Waldschneise mit mehreren Loipen, eine Art Autobahn für Skilangläufer. Wie bei den meisten der hiesigen Wege handelt es sich um eine ehemalige Militärstraße der tschechischen Grenzposten. „Wollen wir?", fragt Erwin und deutet gen Märchenwald. Natürlich wollen alle; fortan wird querfeldein gewandert. In jungfräulichem Tiefschnee ziehen wir unsere Spur, queren Lichtungen und überwinden Kuhlen. Einmal kreuzen wir einen eher unscheinbaren Hohlweg. „Das ist einer der goldene,: Pfade", erklärt Dalibor. Der „Goldene Steig"' war ein Netz von Handelsstraßen, die seit dem Mittelalter über das Gebirge führten. Auf diesen Grenzübergängen zwischen Bayern und Böhmen wurden wertvolle Waren wie Salz und Glas transpordert.
Jetzt gilt es: Wir müssen eine kleine Abfahrt meistern. Der Hügel läuft in einer scharfen Kurve aus. Erwin steht unten und beobachtet grinsend, wie sich die Läufer aus der Affäre ziehen. Mancher benutzt die Backenbremse - egal, der Schnee ist weich. Ab dann fahren wir meistens leicht bergab, begleitet vom Hammerbach, der später in das Flüsschen Vydra mündet. Wir kommen nach Antygl, dessen,Name von der Glasmacherproduktion herrührt. Es ist eine Verballhornung des deutschen Ortsnamens Antiegel, mundartlich für „Ein Tiegel", denn an diesem Platz stand eine Glashütte mit nur einem Tiegel.

Zum Mittag kehren wir in der altehrwürdigen Thurnerhütte, einem herrlich rustikalen Gasthof, ein. Bei prasselndem Kaminfeuer essen wir Suppe und trinken Bier. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer bis zum einstigen Sägewerk von Cenkova Pila (Vinzenzsäge). Dort wird die Vidra zur Otava, die ihrerseits später in die Moldau (Vltava) mündet. Der Komponist Bedrich Smetana war jeden Sommer mit seiner Familie bei dem Sägewerksbesitzer, einem Kunstmäzen, zu Gast. „DerWitz ist", erzählt Dalibor, „dass
Smetana hier die Eingebung für seine „Moldau" hatte, er hat die Moldau also an der Otava komponiert."
Später bietet sich uns der gespenstische Anblick eines großen Waldgebiets mit völlig kahlen Fichten. Hier in der Kernzóne lässt man der Natur ihren Lauf. Unklar ist, ob es gelingen wird, die Kernzone so wie im Bayerischen Wald beträchtlich auszudehnen.
Auf dem Rückweg schneit es wieder stärker und wir müssen gegen scharfen Wind bergan steigen. Allmählich spüren wir Muskeln, von denen wir bisher nichts ahnten. Am Abend in der Hajenka tauschen wir uns bei Knödeln mit Schweinebraten mit den Läufern aus der gemütlichen Gruppe aus. Wir sind 25 Kilometer gelaufen und haben nebenbei vieles über Land und Leute gelemt. Sie haben die Hälfte der Strecke zurückgelegt, aber nicht weniger Abenteuer als wir bestanden.

Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.

 

Aktivreisen Tschechien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Text: Aktivreisen Tschechien.