Pressebericht in der "Zeit" 8.8.2002


Die Zeit Reisen
 

Erlesene Heiterkeit

Das rechte Wort zur rechten Zeit am rechten Ort. »Stoßen wir an, und trinken wir`s still aus«, zitiert Arthur den mährischen Lyriker Jan Skácel, »keinem erzählen wir, was der Wein von uns weiß.« Stoßen wir an, an diesem sonnigen Spätnachmittag auf einer Terrasse im südmährischen Weintdorf Pavlov. Füllen wir die Gläser noch einmal aus den schweren Zweiliterflaschen, die Svaropluk, der Freizeitwinzer, in seinem schwarz verschimmeltem Keller immer wieder aufs Neue füllt. Nur mit dem stillen Austrinken hapert es schon ein wenig. Heinrich brilliert mit Karl-Valentin-Szenen, Hermann trägt jüdische Geschichten vor, tschechische Geschichten, Polizeiwitze, Anzüglichkeiten. Alles schwirrt durcheinander, und wer schweigt, tut es nur, weil er sich gerade Schmalzbrot und Frischkäse in den Mund stopft und mit noch mehr Wein nachspült. Selbst das Damenquartett aus dem Schwäbischen genehmigt sich jetzt - mitten am Tag - ein Gläschen. Langsam rückt die Sonne weiter, der Wein funkelt, Svatopluk, der sein Geld mit Sprechrollen beim tschechischen Rundfunk verdient, rezitiert mit samtener Reibeisenstimme Gedichte, und Otto breitet in einem Anfall jugendlichen Ungestüms die Arme aus und verkündet: »Da möchte man plötzlich alle Frauen umarmen!« Ja, das muss die mährische Heiterkeit sein.

14 Reisende sind wir, alle jenseits der 50, aus ganz unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Schulleiter, Seelsorger, Ärzte, Designer, Therapeuten, Beamte und hier und jetzt Wanderer, Leser, Weintrinker: Lebensgenießer allesamt. Dazu kommen zwei Reiseleiter, die übersprudeln vor Begeisterung und diese vom ersten Tag an auf uns übertragen: Arthur Schnabl, der belesene Germanist und Komödiant aus Regensburg, und die 27-jährige Pragerin Lenka Hubackevá, ebenso energische wie seelenvolle Vertreterin ihres Landes. Sie wollen uns Mähren näher bringen, jenes zunächst nicht besonders spektakuläre, in weiten Teilen einfach platte Gebiet im Süden und Osten Tschechiens, und seine Dichter, Vertreter der drei Kulturen die den Landstrich prägten: der tschechischen, der jüdischen und der deutschen.

Begonnen hatte die Reise vor fünf Tagen mit einer Wanderung durch die graue Landschaft des mährischen Karst und einem Besuch im Städchen Olomouc, dem einstigen Olmütz. Kilometerlang hatte die Autobahn schnurgerade bis durch die Ebene der Haná geführt. Als die Ostfriesen Mährens gelten die Bewohner dieser Region, und ein Bauer aus der Haná soll es auch gewesen sein, der, überwältigt von der Liebe, einst das erste tschechische Gedicht überhaupt schuf. >Als ich heim vom Jahrmarkt ging, kauft` ich eine Gurke dir. Und das alles nur, weil du eine Brave bist.,,

Schuberts hübsche "Forelle"

Olomouc ist eine barocke alte Bischofsstadt mit ein paar klassizistischen Bauwerken. Einst residierten hier die grauen Eminenzen der böhmischen Könige. Heute empfängt die Stadt ihre Besucher farbenfroh. Mit lila angestrichenen Laternenmasten, blühenden Magnolien, cremegelben Fassaden and schwarzen Denkmalsfiguren. Weit sind die Plätze, lassen Raum für Licht und Luft. Studenten sitzen um die Dreifaltigkeitssäule. Oben am Rathaus wandern mittags zum Glockenspiel aus realsozialistischen Zeiten der Arzt, der Mechaniker, die Sportlerin, der Landmann und andere Werktätige im Kreis herum. Am Ende kräht ein Hahn, es ist aber nur ein müdes Tröten.

Hinter der Mauer einer Jugendstilvilla sind Handwerker zugange. Ohne zu zögern, klingelt Lena, die Gruppe darf ins Foyer, wo sie ein golden funkelndes Eingangsmosaik, ein bleigefasstes Fenster aus Buntglas und einen eisernen Kamin zu sehen bekommt. Gustav Klimt hatte die Villa des Herrn Primavese, Börsenspekulant aus Wien, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ausgestaltet. Lange verkam sie, jetzt wird renoviert, wie der heutige Besitzer, der alte Herr Dvorácek, sagt.

Solche spontanen Abstecher, aber auch wohl geplante Überraschungen machen die Reise so abwechslungsreich, in der Sankt-Mauritius-Kirche wartet, unangekündigt Professor Schindler, der Organist - auf dieser Reise soll auch die Musik nicht vernachlässigt werden. Er zeigt uns die Orgel, die Michael Engler aus Breslau zwischen 1740 und 1745 erbaute, damals die größte Mitteleuropas. Nach dem Umbau 1967, auch nach seinen Schindlers Entwürfen, ist sie mit ihren 10 400 Pfeifen immer noch die größte des Landes. Gut und recht, solche Zahlen, aber in der Musik zählen bekanntlich Töne. Und die donnern, flöten und hauchen dann durch den Raum, dass Schuberts hübsche kleine Forelle unvermutet emporschnellt wie ein kraftstrotzender Lachs und sich dann wieder träge wälzt wie eine alte Flunder.


Bei Literaturreisen geht es um Geschichten, umso besser, wenn die Erzähler noch am Leben sind. Im Café Mahlet spricht Liselotte Zídová bei Obstkuchen und Windbeutel von »den Sachen, die nicht ganz weiß sind und nicht ganz schwarz«. Ihr eigenes Leben meint sie, vor allem die Erfahrungen ihrer Kindheit, als sie, Tochter eines deutschen Juden in Mähren, 1938 in ein Dorf in den Beskiden gebracht wurde und dort, beschützt von Tschechen, aufwuchs, während die Deutschen ihren Vater nach Theresienstadt verschleppten. Sie überlebte, der Vater auch, ganze 45 Kilo schwer. 1955 heiratete sie Ladislav, den Offizier der tschechischen Armee, der heute auch mitgekommen ist und von der Seite souffliert, damit ja nichts vergessen wird. Ladislav, der das Rückgrat hatte, eine deutsch-jüdische Frau zu heiraten, und später, 1968, auch den Mumm, den Mund aufzumachen gegen die Okkupation durch die Bruderländer. Nie hat es in seiner Familie ein böses Wort wegen ihrer Herkunft gegeben, sagt Liselotte, bei Nachbarn und Kollegen sah das oft ganz anders aus. Von alldem erzählen sie beide, weil sie "Brücken bauen wollen, damit das Unglück irgendwann mal ein Ende hat«.

Auch Herr Bránsky, der am nächsten Tag in Boskovice wartet, hat viel zu erzählen. 78 ist er, der Stadthistoriker, und weiß über die Steine hier mehr als jeder andere. Boskovice, 40 Kilometer nördlich von Brno gelegen, lässt auf dem breiten, leicht zur Kirche hin abfallenden Marktplatz seinen Bewohnern und Besuchern Raum, nur im einstigen Ghetto wird es enger. Das Viertel ist kein Museum: Die pastellfarbenen Häuser mit den Halbsonnen über den Fenstern, nach dem :Brand 1423 im Empirestil neu erbaut, werden bewohnt; allerdings nicht mehr von Juden. Von den 458, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden, kehrten 15 zurück. Der letzte starb vor zwei Jahren.

Boskovice galt seit dem 18. Jahrhundert als das »mährische Jerusalem«, eine Hochburg der Talmudwissenschaft, in dert religiöse Rituale das Alltagsleben bestimmten. Kein Wunder, dass viele ausbrachen aus dieser Enge. Hermann Ungar war einer von ihnen, der heute fast unbekannte Schöpfer düster-abseitiger Geschichten, der 1928 mit 35 Jahren starb und zutiefst verschreckt hinter seiner Hornbrille vom Foto blickt, das Reiseführer Schnabl in den Händen hält. Am Abend liest er uns dann Ungars Bericht über das unvermutete Ableben des Registraturverwalters »Tulpe« vor.

Zwischen den Städten, den Wanderungen, den Begegnungen bleibt Zeit. Dies ist eine, ruhige Reise, angepasst dem Pulsschlag des Landes. Vor allem ist auf den leichten Wanderungen viel Zeit, miteinander zu reden. Über Schule am Kongo, die Benesch--Dekrete und die Anzucht von Baumpäonien. Mittags und abends essen wir uns durch Palatschinken, Sauerkrautsuppe und käsegefüllte Kartoffelpuffer, vergleichen Starobrno Bier und Pilsner Urquell, setzen einen Becherovka drauf und genießen mit allen Sinnen.

Immer wieder und überall begegnen wir der Literatur. Wie gut wir in der schönen Empirebibliothek des Schlosses Rájec doch nachvohziehen können, welche Verunsicherung es für die führenden deutschen Kreise bedeutet haben muss, als im 19. Jahrhundert immer mehr tschechische Grubenarbeiter, ungehobelte Proletarier, in die Städte drängten, so wie Ferdinand von Saar es beschrieb! Und wie einfühlsam die umstrittene Marie von Ebner-Eschenbach sich an ihre Kindheit auf Jcntoss Zdislavice erinnerte. Um das heruntergekommene Gemäuer, das bis vor kurzem noch psychisch Kranke beherbergte, tobte der Sturm ganz grausig, und drin versammelten sich alle um die Amme Anischa, die flüsterte, dass jetzt wieder die Melusine ihre Kinder suche.

In Nikolsburg singen die Häuser
Die letzten beiden Tage gehören ganz Jan Skácel und dem Wein. Von Krtiny, wo uns jeden Morgen um sechs das Geläut der »Perle Mährens«, der Marien-Wallfahrtskirche von Giovanni Santini, geweckt hatte, sind wir nach Mikulov umgezogen, ins einstige Nikolsburg, wo, wie Skácel meint, »die Häuser singen« und sich eng um das Schloss derer von Dietrichstein scharen. Ringsum Äcker bis zum Horizont, und dazwischen ragen die vier Buckel der Pálava, der Pollauer Berge, hervor. Eine Windhose aus Weißdornblüten stiebt hoch, nach Norden, unsichtbar im Dunst liegt Bmo, einst Brno, wo Jan Skácel sein Leben als Rundfunkmitarbeiter fristete, ehe er 1989 starb, und wo er seine federleichten und stillen Alltagsbetrachtungen verfasste, wo er schrieb: »Die häuser am holunder tun dir leid ..."

Weit unten krümmt sich der Thaja-Stausee wie ein Halbmond um die Berge, streng gezogene Rebenreihen ziehen sieh über flache Hügel: Vor den Ruinen der Waisenburg genehmigen wir uns Essiggurken, Peitschenkäse und Gedichte. Jeder liest inzwischen vor, Lerchen trillern in der Luft. Noch eine Stunde bis zur Maidenburg, wo einst drei arbeitsscheue Mädchen zu Stein erstarrten, ein kurzer Abstieg, und schon sind wir da, auf Svatopluks Terrasse, beim einfachen Wein aus dem schwarz verschimmeltem Keller und der mährischen Heiterkeit.

Als Abschluss des Tages denke man sich Heinrich und Georg, zwei nicht mehr ganz taufrische Herren, die sich, einfach weil es so schön war, zu Fuß auf den Rückweg über die Palauer Berge machen und selbstvergessen, weinselig und lauthals die Prähistorie der Informationstechnik im Deutschland der siebziger Jahre debattieren, während ein blasser Vollmond aufzieht und der Geist von Jan Skácel irgendwie zwischen den Kiefernstänunen zu schweben scheint. Man ahnt vielleicht, ein wenig vom Zauber dieser Reise.

Veranstalter: Begegnung mit Böhmen, Dechbettenestr. 47b, 93049 Regensburg, Tel. 0941/260 80, Internet: www.boehmen-reisen.de


Autor: Franz Lerchenmüller
in: Die Zeit, 8.8. 2002

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reisen Fontane Literatur

 

 

 

 

 

 

 

[zurück]