Pressebericht in der Frankenpost 16.12.1995

Frankenpost Reisen
 

Begegnungen besonderer Art
Mit Goldwäschern, Grenzgängern und Wanderern unterwegs im Nationalpark Šumava

An der Mitternachtsseite des Ländchens Österreich zieht ein Wald an die 30 Meilen seinen Dämmerstreifen westwärts, beginnend an den Quellen des Flusses Thaia, und fortstrebend bis zu jenem Grenzknoten, wo das böhmische Land mit Österreich und Baiern zusammenstößt. Dort, wie oft die Nadeln bei Kristallbildungen-schoß ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegen einander und schob einen derben Gebirgsstock empor, der nun von drei Landen weithin sein Waldesblau zeigt und ihnen allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche absendet. Adalbert Stifter, Der Hochwald

Der Faszination dieser Landschaft, die den Dichter Stifter sein Leben lang nicht losließ, erlag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch der Oberpfälzer Kulturwissenschaftler Dr. Erwin Aschenbrenner. Der Blick aus dem Fenster eines Reisebusses genügte. Um auch anderen eine intensive Begegnung mit einem Nachbarland zu ermöglichen, das zwar so nah, gleichzeitig aber so fremd geblieben war, entwickelte Aschenbrenner ein Reise- und Kulturprojekt als Gegenpol zum Bier- und Souvenir-Tourismus. Inzwischen sind der Regensburger Wissenschaftler, seine tschechischen Partner und die Menschen, die mit ihnen unterwegs waren, längst zu Wanderern besonderer Art geworden. Grenzen überschreiten sie, die sichtbaren Landesgrenzen zwischen Bayern und Tschechischer Republik und die unsichtbaren: die Hürden zwischen Tschechen und Deutschen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Erwin Aschenbrenner nimmt uns von Bayern nach Böhmen mit. Im Grenzstädtchen Böhmisch Eisenstein, direkt gegenüber Bayerisch Eisenstein, herrscht hektischer Einkaufstouristenbetrieb, doch schon wenige Kilometer weiter ist es damit vorbei. Die Hauptroute durch den Nationalpark mit dem passenden Namen Šumava, „die Rauschende”, schlängelt sich kilometerweit durch Wald und einsame Hochebenen. Nebelschwaden legen sich im Dämmerlicht wie Watte auf die Landschaft. Ein Idyll – das alte und neue Narben verbirgt. Schon der erste Halt macht das deutlich. Dobra Voda (Gutwasser), ist eines jener Dörfer, die nach der Vertreibung der Sudetendeutschen ausradiert wurden. Stehen blieben nur einige Gebäude, darunter die Schule, die zu einem militärischen Hauptstützpunkt umfunktioniert wurde und die Kirche, die als Waffenlager gedient haben soll. Längst aber sind auch die Soldaten nicht mehr da, gespenstisch wirkt das heruntergekommene Schulhaus. Auf dem kleinen Friedhof lassen sich auf umgefallenen Grabsteinen mühsam die Namen von deutschen Toten entziffern. Glaubt man Zeitungsberichten, so winkt dem verlassenen Ort jedoch eine goldene Zukunft: Ein in die USA ausgewanderter ehemaliger Bewohner will angeblich mit einer Millionen-Dollar-Spende Dobra Voda wieder aufbauen. Bereits jetzt ist der Ort Mittelpunkt einer Wanderregion, deren Wege, wie die Nationalpark-Verwaltung offiziell mitteilt, von Blindgängern geräumt worden sind.

Es sind diese Kontraste und Berührungspunkte zwischen Vergangenheit und gegenwärtiger Alltagsgeschichte in Böhmen, die Erwin Aschenbrenner seinen Begleitern nahebringen will. Als „Zeitzeugen” sollen wir Geschichte, Kultur, Alltag und Ökologie erleben. Die „böhmischen Dörfer” sollen für uns nach der Reise keine „böhmischen”, sprich unbekannten, mehr sein. „Ein offizielles „date” mit dem Bürgermeister haben wir nicht im Angebot”, beschreibt der Kulturwissenschaftler sein Projekt, das vom Verein Nationalpark-Region Donau-Moldau in enger Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungswerk Regensburg getragen wird. „Wir wollen mit „normalen” Leuten zusammenkommen, die über das Leben und das Land erzählen.” Daß dies nicht langweilig ist, weiß Erwin Aschenbrenner aus mittlerweile fünfjähriger Erfahrung: „In Tschechien kann man andere Dinge erleben als in Deutschland.”

Viel erleben kann man zum Beispiel mit Jaroslav Neužil, einem der acht tschechischen „Glücksfälle”, die Aschenbrenners Projekt in Böhmen mitgestalten. Jaroslav lebt in Prachatice, wo bis zum Ende des 17. Jahrhunderts alle Handelswege des „Goldenen Steigs” zwischen Bayern und Böhmen zusammenliefen. Von der einstigen Blütezeit der Stadt, die als Monopolist von Salz, der wichtigsten Handelsware, galt, künden heute noch prächtige Renaissancehäuser und Fassaden, die mit ornamentalen und figürlichen Sgraffiti geschmückt sind. Jaroslav Neužil wohnt nicht in einem der schönen Altbauten, sondern mit seiner Familie seit 20 Jahren beengt in einem häßlichen Plattenbau. Diese und andere unübersehbare Hinterlassenschaften der sozialistischen Zeit hindern ihn nicht, auf seine Heimat und sein Land stolz zu sein. Mehr noch als sein deutscher Freund Erwin setzt sich Jaroslav für spontane, unmittelbare Begegnungen der Besucher Böhmens mit der Bevölkerung und der Natur ein. Der große Wunsch des 48jährigen ist es, mit einer Reisegruppe einfach mit dem Rucksack auf dem Rücken an der Moldau entlang ins Blaue zu wandern. Ein Abenteuer, das Anklang finden würde: „Die Leute hier sind neugierig auf alles, was in der Welt passiert”, sagt Jaroslav, „Und jede böhmische Wirtin ist stolz, wenn sie fremden Gästen etwas Gutes kochen kann.”

Mit dem umtriebigen Tschechen unterwegs zu sein, heißt, sich lieber nicht auf ein festgelegtes Programm einzustellen. „Flexibilität nützt nur” ist das Motto von Jaroslav, für das er selbst das beste Beispiel ist. Abends beim Bier erzählt der studierte Landwirtschaftsingenieur aus seinem bewegten Leben. Der Zufall hatte ihm nach dem Studium zu einer Karriere als Straßenplaner verholfen, die beendet war, als er als Freund eines Regimegegners in Ungnade fiel. Der Geschaßte, auf dessen Arbeitskraft das Regime dennoch nicht verzichten mochte, bekam einen Job als Lkw- und Busfahrer beim staatlichen Verkehrsunternehmen CSAD und fuhr jahrelang auf den Straßen durch Böhmen, die er zuvor geplant hatte. Aufgrund seiner Geographie- und Sprachkenntnisse wurde er von CSAD 1990 blitzartig auf den Chefsessel eines Managers für internationalen Transport und Außenhandel gehoben. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Prachaticer Sportvereins. Daneben hat Jaroslav noch offiziell bescheinigte Kenntnisse als Maurer, Kellner, Monteur von Skibindungen und leitet sein eigenes Reisebüro. Damit nicht genug: Für die Grünen sitzt Jaroslav Neužil im Prachaticer Stadtrat im Sgraffiti-verzierten Rathaus. Hier holt ihn gerade die Vergangenheit seiner Heimatstadt wieder ein. Debattiert wird nämlich zur Zeit die Frage, ob der historische Marktplatz zur Fußgängerzone umgewandelt und dabei durch eine Tiefgarage verschandelt werden soll. Auch in Prachatice stehen die Stadtväter vor dem Problem, die alte Pracht, möglichst ohne Fehler zu machen, in die Touristen-Neuzeit zu retten.

In Cesky Krumlov (Krumau) hat die UNESCO der Stadtverwaltung dieses Problem abgenommen. Die kleine Stadt an der Moldau ist als bedeutendstes europäisches Denkmalreservat nach Venedig eingestuft worden und wird unter UNESCO-Überwachung aufwendig restauriert. „Die Moldau macht einen Ring, dann macht sie außerhalb desselben einen zweiten verkehrten und dann noch einen größeren, der wieder verkehrt ist und aus ihm stehen gerade Felsen empor”, beschreibt Stifter die krumme Lage der Stadt. Jedes Gäßchen, jeder noch so versteckte Winkel lädt hier zum Verweilen und Betrachten ein. Daß die „Perle Böhmens” mit der zweitgrößten Schloßanlage nach dem Prager Hradschin in ihrer Gesamtheit erhalten blieb, hat sie paradoxerweise dem aufgezwungenen 40jährigen Dornröschenschlaf au verdanken. Kaputtsanieren – das war in der CSSR nicht drin, schon gar nicht im Grenzgebiet. Lediglich der Zahn der Zeit nagte an dem Erbe der Fürsten Rosenberg, Eggenberg und Schwarzenberg, das nun wieder ans Licht geholt wird.

Gemischte Gefühle
Ein Vorgang, den Dr. Ivan Slavík, stellvertretender Direktor des Bezirksheimatkundlichen Museums in Cesky Krumlov mit gemischten Gefühlen beobachtet. Slavík, dessen Name im Deutschen „Nachtigall” bedeutet, kennt wie kaum ein anderer die Geschichte fast jeden Hauses in der Stadt. Der Kulturwissenschaftler plädiert daher für eine langsame und vorsichtige Restaurierung. Die Substanz der Gebäude müsse erhalten werden, nicht nur die Fassaden wieder herausgeputzt. „Das ist wie bei einer Striptease-Show: Wenn’s schnell geht, ist es fertig und aus”, zieht Slavík einen drastischen Vergleich. „Wenn das aber hier passiert, entsteht nur das Bild einer schönen, historischen Stadt – das schaut man sich an und das war’s dann.”

Nur der Gewinn zählt
Den Bestrebungen, die Renovierungsarbeiten ohne Hast durchzuführen, stehen allerdings Kommerz und Touristeninteresse entgegen. Seit drei Jahren wird Cesky Krumlov täglich von Touristen überschwemmt – mit der Folge, daß Geschäft und Gewinnstreben den Alltag bestimmen. „Trotz UNESCO-Schutz geht mit Geld alles”, macht der Museumsdirektor deutlich, „Hauskäufe von Spekulanten oder „Mafiosi” über Strohmänner, die nur der Gewinn interessiert, sind jederzeit möglich.” „Ganz brutal”, so schildert es Slavík, sei das Leben für die Einheimischen geworden. „Wir leben in der teuersten Stadt Böhmens.” In der Innenstadt gebe es nur noch ein einziges Lebensmittelgeschäft, dafür aber 30 Glas und Souvenirläden meist auswärtiger Händler, die den Touristen teilweise Ware obskurer Herkunft anböten. Durch die hohen Mieten werde die einheimische Bevölkerung aus der Stadt verdrängt: „Die Leute müssen raus.” Nur noch 1400 Menschen, halb so viel wie vor 1989, lebten nun im Zentrum. Ivan Slavík zieht noch einmal einen drastischen Vergleich: „In der Geschichte dieser Stadt gab es nur einmal einen solchen Bevölkerungsschwund. Das war 1643, als nach mehreren Pestepidemien nur 1000 Einwohner übrig blieben. Diese Entwicklung ist eine Gefahr für Cesky Krumlov.”

„Die Leute müssen raus.” Ein Satz, der nachhallt bei der Wanderung durch die „Šumava”, wenn wir wieder vor Oberresten von Häusern stehen oder nur noch kleine Anzeichen ahnen lassen, daß hier einmal ein Dorf gestanden haben muß. Ein Satz aber auch, der für Egon Urmann aus dem Dorf Lenora (Eleonorenhain) eine Last bedeutet, betrifft er doch die Geschichte seiner eigenen Familie. Egon Urmann, „im Unglücksjahr” 1945 als Sohn deutscher Eltern geboren, durfte bleiben. Der Grund: Auf die Fachkenntnisse seines Vaters, eines Glasmachers, mochten die tschechischen Machthaber nicht verzichten. Die sämtliche weitere Verwandschaft Egon Urmanns – Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – wurde vertrieben und ist heute über ganz Deutschland verstreut.

Seit fast 50 Jahren lebt der Deutsche im tschechischen Land mit zwei Herzen in der Brust und kann diesen Zwiespalt nur mit der Feststellung lösen: „Ich bin ein Böhmerwäldler unter Böhmerwäldlern.” Gleichwohl ist Egon Urmann, verheiratet mit einer Tschechin, ein Wanderer zwischen zwei Welten geblieben und immer noch auf der Suche nach seinen Wurzeln. Im täglichen Leben ist er dabei zu einem Grenzgänger geworden. Egon Urmann hat eine Stelle in einer niederbayerischen Wohnwagenfabrik und seit zwei Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat er auch Kontakt zu deutschen Vertriebenenverbänden. „Ich kenne die tschechische und die deutsche Einstellung und die harten Fronten”, sagt er. „Aufgerechnet werden viele Einzelschicksale, die keiner vergessen kann und wo jeder nur seine eigene Wahrheit weiß.” „Dem anderen zuhören” ist daher der Appell des Böhmerwälders, der kein offizieller Vermittler zwischen den beiden Volksgruppen werden will. Er ist es natürlich doch – wenn auch „nur” durch seine Gespräche im privaten Kreis. Egon Urmann nämlich hat die wertvolle Gabe, zu diesem heiklen Thema einen Dialog in Gang zu bringen -ohne Emotionen zu schüren.

Von Beate Franck

Die Texte stammen von den oben aufgeführten Zeitungen.

 

Reisen Sumava Nationalparks

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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